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Forum Nordelbien - 19. Februar 2007

"Sie kommt zu früh und doch auch zu spät"

19.02.2007 | Begrüßung zur Disputation über die Bibel in gerechter Sprache


Herzlich begrüße ich Sie alle, die Sie gekommen sind,  weil Ihnen die Bibel wichtig ist. Oder weil sie neugierig sind, wie ein Streit unter Christinnen und Christen ausgeht. Herzlich willkommen, von nah und von fern. Auch im Namen meiner bischöflichen Kollegen, Bischof Knuth und Bischöfin Jepsen.

Die Nordelbische Kirche veranstaltet eine Disputation über die Bibel, die Bibel in gerechter Sprache. Seit Martin Luther muß sich jede Reformbewegung an ihrem Verhältnis zur Schrift messen lassen. Disputieren ist eine Form, Wahrheit und Klarheit zu suchen. Ich freue mich, dass wir dies hier in Lübeck tun. Was kann Besseres passieren als dass Menschen neu über Gott und die Bibel nachdenken.

Die Wogen schlagen hoch, mit starken Worten wird nicht gespart über diese Übersetzung und ihre UnterstützerInnen

Nun disputieren wir nicht nur am 19. Februar 2007, sondern zufällig auch noch am Rosenmontag.  Hat das etwas zu bedeuten? Ich gebe zu, dass mir hier im Norden der kalendermäßig erlaubte Frohsinn und ein wenig augenzwinkernder Humor, auch bei dieser ernsten Sache, fehlt. Ich kann mir Gott nicht ohne Humor vorstellen. Den Menschen zu erschaffen, wie könnte das ohne Humor gelingen?

An Fastnacht nun darf man sich kurzzeitig in einen anderen Menschen verwandeln, am liebsten ins pure Gegenteil dessen, was man sonst so ist oder zu sein hat.

In meiner Schulzeit, im Otfried von Weissenburg Gymnasiums in Dahn war ich in meiner Klasse das einzige Mädchen und dazu noch die einzige Protestantin, wie wir uns in der Pfalz nannten. Während des Religionsunterrichtes hatte ich das Klassenbuch zu den Katholischen zu bringen. Als ich das Klassenzimmer betrat, zischelten mir meine Klassenkameraden zu: „Ketzer, Ketzer, Ketzer,“  Hinterher erzählten sie mir, der fromme Kaplan habe dazu angemerkt: „ Ist ja gut, dass ihr das wisst, aber so deutlich braucht ihr sie das nicht merken zu lassen.“

Damals trug ich den Ketzerhut mit Stolz, sind wir Protestanten doch zum Widerspruch gegen dogmatische Erstarrungen qua Bekenntnis verpflichtet.

Letzten Freitag  nun (am 16. 2.2007)  titelten die Lübecker Nachrichten auf Seite eins mit Blick auf die „Bibel in gerechter Sprache“: „Ketzerei!“ In der 5. Jahreszeit, in der wir uns ja befinden,  könnte man gutlaunig denken – und das habe ich gemacht- , dass es sich dabei um  einen speziell originellen Kostümvorschlag für leitende Geistliche am Rosenmontag handelt.

Ich erinnere mich an den hussitischen Pfarrer in Prag, der mir vor dem Standbild von Jan Hus, des verbrannten Vorkämpfers  der Reformation,  erklärte: „Ketzer sagen nichts Falsches, sie sagen es einfach zu früh.“

Die „Bibel in gerechter Sprache“ kommt wohl zu früh, und doch auch zu spät.  Es geht kein Weg daran vorbei: Antijudaistische und antisemitische Lesarten biblischer Sätze haben ihren Beitrag geleistet zur größten Katastrophe des letzten Jahrhunderts: der Vernichtung des europäischen Judentums.

Heute, in Zeiten der Globalisierung wird das Elend der Armen von vielen ohne Leidenschaft hingenommen und die Stimme der sozialen Gerechtigkeit im öffentlichen Leben  wird kaum noch gehört. Die Gläubigen wissen nicht und hören zu wenig, dass dies unvereinbar ist mit den Weisungen der Hebräischen Bibel und des Neuen Testamentes.

Bis heute schließen die Kirchen, die römisch-katholische, die orthodoxen und viele evangelische Kirchen in großer Einmütigkeit mit dem Islam, dem Buddhismus und Teilen des Judentums Frauen von der gleichberechtigten Teilnahme am Kultus und leitenden Ämtern aus.

Ein mögliches Ergebnis dieses Abends wäre die Übereinstimmung, dass nicht Willkür und launischer Zeitgeist diese neue Übersetzung inspiriert, sondern der Versuch, Sprache, die so wirkungsmächtig ist wie die Bibel, in Verantwortung vor der Geschichte und in Respekt vor dem Wortsinn zu benutzen. Ob dies legitim ist, ob dies gelungen ist, ob Martin Luther den Übersetzenden darin beisteht, darüber werden wir disputieren.

Das Lernen in diesen Fragen ist deshalb so schwer, weil man nicht einfach etwas Neues dazulernen kann, sondern weil man etwas Altes verlernen müsste. Das ist konfliktreich und schwer. Aber um des Evangeliums willen, muß man es versuchen.

Die Bibel neu zu entdecken: diese Freude ist zahllosen Menschen zuteil worden, die auf Kirchentagen, in Frauen- und Bibliodramagruppen, in den Gemeinden, im christlich jüdischen Dialog, mit den Augen der Armen gelesen die Bibel als ein befreiendes, lebendiges Buch wiederentdeckt haben. Wo sonst in der jüngsten Kirchengeschichte wurde denn die Bibel so zentral in den Mittelpunkt gestellt und - gelesen?

Wir werden darüber streiten: ob die Deutungsmacht über biblische Texte heute von Männern und Frauen geteilt werden kann.

Eines ist schon heute sichtbar: Mündige Menschen beginnen sich die Bibel neu anzueignen. Glauben und Vertrauen werden so gestärkt. Willkommen bei dem  Abenteuer des Geistes. Die Kraft der Heiligen Ruach, die Geistkraft, möge uns leiten.

  • Datum 19.02.2007
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