Es geht um das Wort Gottes!
31.10.2006 | Ansprache zur Feier der Bibel in gerechter Sprache
Liebe Geschwister, liebe Mitmenschen, liebe Leute!
Als ich gefragt wurde, aus dem heutigen Anlass etwas über Gerechtigkeit zu sagen, dachte ich: „Das heißt ja Eulen nach Athen tragen. Was hätte ich all denen, die dieses zentrale Wort der Bibel jeden Morgen, Mittag und Abend bei ihrer Übersetzungs- und Unterstützungsarbeit im Sinn haben, zu sagen? Es sollte umgekehrt sein!“
Aber nein: So wollen sie es haben. Eine arme, von ihrem Studierzimmer oft verbannte Bischöfin soll das jetzt hier und heute sagen, mit der Bibel in gerechter Sprache in der Hand, sozusagen.
Es hat aber natürlich auch seine Richtigkeit. Denn während viele von Ihnen fleißig unter großen Mühen im Studierzimmer übersetzen, ist es unsereinem aufgetragen, der fragenden, sich wundernden, empörten, irritierten Öffentlichkeit und vielen „Brüdern im Amte“, und auch Schwestern, einsichtig zu machen , warum und wieso man eine solche Bibelübersetzung überhaupt macht und warum man am Reformationsfest sich mit einem Fest darüber freut.
Dass dies überhaupt in Frage gestellt wurde von heutigen Repräsentanten der Reformation, das muss nun wiederum mir erklärt werden. Über Kritik, die es noch reichlich geben wird und schon gibt, brauchen wir nicht zu „schmollen“. Viel Feind, viel Ehr! Das wissen seit den Zeiten, in denen wir uns gegen die Apartheid engagiert haben.
- Martin Luther hat die Bibel wieder in den Mittelpunkt gerückt. So versuchen auch wir es. Und der Ausverkauf der ersten Auflage zeigt, dass es gelingt. Wie keine anderen Bewegungen haben der christlich-jüdische Dialog, die Befreiungstheologie und die Feministische Theologie wieder das Interesse and der Bibel geweckt. Das muss man erst einmal widerlegen, bzw. nachmachen.
- Martin Luther suchte einen gnädigen Gott. Wir nennen Gott heute, - wie schon die Bibel- mit vielen Namen. Auch wir suchen sehnsüchtig nichts anderes als die lebendige Quelle des Lebens, voller Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.
- Wir suchen eine lebendige Beziehung zu Gott, eine starke Spiritualität, die allein uns mit Leben erfüllen kann. Sie ist nur möglich, wenn wir auch eine authentische Sprache für das Wesentlichste unseres Lebens, für Gott, gefunden haben.
- Sprachfähig, auskunftsfähig und bibelfest sollen die Menschen in der säkularen und glaubensarmen Zeit wieder werden und die Entdeckerfreude an diesem befreienden Buch soll sie ergreifen dürfen.
- Gemeinsam, evangelisch, katholisch, methodistisch, baptistisch, ACK-mäßig haben wir an diesem Buch gearbeitet und es hat sich gezeigt, dass die traditionellen Trennungen über der gemeinsamen Arbeit am Wort Gottes kleiner werden und weniger Bedeutung haben. Manchmal waren sie einfach verschwunden.
- Martin Luther entdeckte den biblischen Zentralbegriff: „gerecht“; Gerechtigkeit, gerecht gemacht werden, Rechtfertigung. Er entdeckte das Wort „gerecht mit dem Nominativ“: „Ich bin gerecht vor Gott“. “Ich werde gerecht gemacht von Gott.“
- Wir entdecken neu das Wort „gerecht mit dem Dativ“. Gott wird uns gerecht in unserer geistlichen Armut und Verlorenheit. Und wir wollen Gott und einander gerecht werden. So einfach ist das.
Für mein theologisches Examen hatte ich mir vorgenommen, die Bergpredigt gründlich zu studieren. Dort heißt es: „Selig sind, die es hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden“. Die Idee kam mir, als ich von Gandhis Interesse an der Bergpredigt gehört hatte. Da war ein Mensch, ein Hindu, der sich für einen Bibeltext interessierte und sagte, dort sei formuliert, was er über das richtige Miteinander der Menschen und über die Gewaltfreiheit zu sagen habe. Seltsamerweise hat dieser „fremde Blick“ auf die Sache mich mehr interessiert als die vielen Kommentare, die sagten: Die Bergpredigt sei ein Kanon unerfüllbarer, gesetzlicher Forderungen, der nur dem inneren Kreis der Jünger, aber nicht der ganzen Gemeinde zumutbar sei. Der überhaupt nicht erfüllbar sei. Der nur sichtbar mache, welch hoffnungslos verlorene Menschen wir seien und uns so an die Gnade Gottes verweise.
Den Schlüssel habe ich schließlich bei Martin Buber gefunden. Nämlich, dass es in der Bibel von der ersten bis zur letzten Seite um Beziehung geht. Das hat er in unserer Zeit am deutlichsten in seinem Buch ICH und DU formuliert.
Seltsam, dass mir zwei Menschen außerhalb meiner eigenen Tradition, den Blick für mein Eigenes geöffnet haben!
Es geht immer um die Beziehung Gottes zu den Menschen, der Menschen zu Gott, der Menschen zueinander und zu sich selbst. Deshalb ist die Grundfigur, in der sich ein Mensch erkennen kann, nicht der Kreis (in dem man um sich selbst kreist) sondern die Ellipse. Ich bin ich selbst nicht für mich allein, sondern nur in Beziehung zu einem anderen Brennpunkt, einem Gegenüber.
Alles kommt darauf an, dass diese Beziehung gelingt, dass es richtige, den anderen gerecht werdende Beziehungen sind. Heute müssen wir diese Sätze auf dem Hintergrund unserer geschichtlichen Erfahrungen auslegen. Dazu gehört die Erfahrung des Schweigens und der Passivität, ja des Versagens vieler Christen und Christinnen in der Zeit des Dritten Reiches.
Der Schlüssel zum Verstehen ist also die richtige, gerechte Beziehung, die beiden Seiten und ihren Bedürfnissen gerecht wird, ohne anderen zu schaden.
Ich habe bei meinem Lehrer des Alten Testamentes in Heidelberg, Gerhard von Rad gelernt: „Es gibt im Alten Testament keinen Begriff von so zentraler Bedeutung schlechthin für alle Lebensbereiche des Menschen wie den der „sedaka“ (Gerechtigkeit). Er ist der Maßstab nicht nur für das Verhältnis des Menschen zu Gott, sondern auch für das Verhältnis der Menschen untereinander bis hin zu der belanglosesten Streiterei, ja auch für das Verhältnis des Menschen zu den Tieren und zu seiner naturhaften Umwelt. Sedaka kann man ohne weiteres als den höchsten Lebenswert bezeichnen, als das, worauf alles Leben, wenn es in Ordnung ist, ruht. Im alten Israel wurde ein Verhalten, ein Handeln nicht an einer ideellen Norm gemessen, sondern an dem jeweiligen Gemeinschaftsverhältnis selbst, in dem sich der Partner gerade zu bewähren hatte“[i] „ein Aufeinanderangewiesensein“[ii]. Wenn Saul sagte, „dass David gerechter war als er, so meinte er, dass jener das zwischen beiden bestehende Gemeinschaftsverhältnis ernster genommen und ihm besser Rechnung getragen hat“[iii]
Gerechtigkeit als Beziehungswort, als Auslegung der Liebe, als Erklärung, was das Handeln Gottes motiviert: „Weil ich dich liebe“ ist das Bekenntnis Gottes zu seinem Volk (Jes 43,4), dem er liebend gerecht wird, indem er ihm hilft, den Weg zum Leben in Frieden und Gerechtigkeit zu sehen. Gerechtigkeit nicht als abstrakte Forderung, nicht die mit den verbundenen Augen, sondern gerade die Sehende, die mit den Augen der Empathie und „Compassion“ die Welt anschaut, die sieht, wo es fehlt: den Armen, den Witwen, den Fremden, den Kranken, dem Reichen Jüngling, dem Zöllner Zachäus, den Fischern, den Frauen, den Kindern, den Aussätzigen, dem römischen Hauptmann, Maria und Martha, der gekrümmtem Frau. Ihnen gerecht werden und darin Glück finden, das wäre die Erfüllung des biblischen Gerechtigkeitsweges. Damit alle am „Shalom“ teilhaben, am konkreten Frieden, in dem jeder sitzen kann „unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum, ohne dass jemand ihn stört“ (Micha 4,4).
Dieses Verständnis, „Gerecht mit Dativ“ ist dann ein Schlüssel, ein „Master-key“, mit dem sich die Bibel aufschließen lässt und das haben Sie mit dieser Übersetzung getan.
Was aber nutzt alles Wissen von der Gerechtigkeit – und wir hätten der Liebe nicht, die lebendige, gelebte Gerechtigkeitsarbeit der Arbeiter und Arbeiterinnen im Weinberg?
Weil Südafrika für viele, die heute hier sind, viel bedeutet, möchte ich von meiner letzten Reise, von der ich gerade zurückkomme, etwas erzählen: Wie Menschen, die sich von Gott angenommen wissen und JA zu sich selbst sagen, versuchen, anderen Menschen in ihrer Not gerecht zu werden.
Die SüdafrikanerInnen hatten kaum Zeit, sich an ihrer Befreiung zu erfreuen, weil sich nach dem Ende der Apartheid die Pandemie von HIV/Aids rasant ausgebreitet hat, besonders durch die Wanderarbeiter. 25% der Südafrikanischen Bevölkerung sagt man seien infiziert. 30% aller schwangeren Frauen sind HIV-positiv.
Sehr bald haben sich in Südafrika Menschen zusammengefunden, die selbst HIV positiv waren. Sie haben in der Zeit der Apartheid gelernt, dass man das Schicksal nicht ergeben hinnehmen muss.
So haben sie eine Organisation gegründet, die HIV/Aids nicht mehr als private Angelegenheit, sondern als eine soziopolitische Sache angesehen hat.
Sie haben die südafrikanische Regierung, die in Sachen Aids-Aufklärung und -Behandlung sehr zögerlich war, aufgrund der Verfassung vor Gericht gebracht und durchgesetzt, dass schwangere Frauen kostenfrei und überall behandelt werden mit einem Medikament, das die Übertragung des Virus von der Mutter auf das ungeborenen Kind verhindert. Tausenden von Kindern wird auf diese Weise das Leben gerettet. Wer für Brot für die Welt spendet, hat an diesem Projekt auch geholfen.
Und sie haben gerichtlich durchgesetzt, dass überall in den Kliniken Menschen Zugang zu Antiretrovialmedikamenten bekommen. Diese Medikamente verzögern den Ausbruch der Krankheit. Denn HIV/Aids muss heute nicht mehr zwangsläufig tödlich verlaufen. Durch eine gute und gezielte Behandlung – ähnlich wie bei Krebs – kann der Krankheitsverlauf aufgehalten bzw. verzögert werden. Diese Medikamente werden heute als billige Generika, also Nachahmerprodukte abgegeben und damit die hohen Preise der pharmazeutischen Firmen vermieden.
Das ist ein Beispiel wie man den Schwächsten gerecht wird indem man das Recht tut.
Die HIV/Aids-Epidemie hat in Südafrika bereits unzählige Waisenkinder hinterlassen. Oft sind diese armen Kinder bereits infiziert und ihre Lebenszeit so von Anfang an begrenzt. Zu dem elenden Schicksal kommt die Verlassenheit und Armut hinzu. Eine ehemals weiße und wohlhabende Gemeinde in Johannesburg hat unter großen finanziellen Opfern mehrere Häuser bzw. Wohnungen eingerichtet, in der jeweils eine Frau, eine Art Ersatz-Mutter, drei bis fünf solcher Kinder betreut. Wir haben sie besucht. Mitten in Johannesburg im Stadtteil Hillbrow im fünften Stock in einem Hochhaus leben diese meist schwarzen Kinder, von einer Ersatzmutter versorgt und geliebt. An Sonntagen laden die Familien der Kirchengemeinde die Kinder zu sich nachhause, damit sie auch ein größeres Familienleben kennenlernen. Die Liebe und Güte Gottes, die diese Gemeinde den Kindern weitergibt, verändert deren Leben. Aber auch das Leben der Gemeinde hat sich völlig verändert durch dieses Tun.
Wenn wir jetzt die Zeit hätten, einander unsere Herzen zu öffnen, dann würden wir unter uns auch ganz viele solcher Geschichten hören: Geschichten vom Recht tun, vom „einander gerecht werden“. Wir würden entdecken, welchen großen Reichtum wir in unserer Mitte haben. Wir würden uns am Lebensmut und der Kraft der anderen freuen und selbst wieder neuen Lebensmut schöpfen. Wir alle leben vom Lebens- und Glaubenmut der anderen. Von nichts anderem spricht die Bibel.
So viel möchte ich sagen zum Stichwort Gerechtigkeit mit Dativ.
Das Leben mit der Bibel in gerechter Sprache fängt gerade erst an. Wenn Sie ein solches Mandat noch nicht erhalten haben, dann gebe ich es Ihnen jetzt: Veranstalten Sie , was immer Sie können, reden Sie, sooft sie nur können. Gehen Sie zu Ihren Leitenden Geistlichen, zu den Pfarrern und Pfarrerinnen. Machen Sie Bibelarbeiten. Schreiben Sie Leserbriefe, Sie wissen ja schon, was man alles machen kann. Wir haben einen produktiven Konflikt vor uns. Es geht um das Wort Gottes, es geht um die Bibel. Wie es sich für den Reformationstag 2006 gehört.