Agentin der Gerechtigkeit- Anwältin der Gnade
25.04.2004 | Dorothee Sölles Beitrag zur Feministischen Theologie und zur Erneuerung der Kirche
Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter, Lübeck
Agentin der Gerechtigkeit - Anwältin der Gnade: Das wollte Dorothee Sölle sein. Das war sie. Das wird sie bleiben, solange Menschen ihre Bücher, Gedichte, Texte lesen: in Schul- und Gesangbü-chern, in Gedichtanthologien und Sammelbänden, in WHO is WHO und theologischen Nachschla-gewerken, in Geschichtsbüchern, die über Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung im 20. Jahrhundert berichten. In vielen Teilen der Erde wird die Erinnerung an sie bewahrt, an die kleine zerbrechliche Frau mit der Kraft einer feurigen Wolke. "Empowerment“ ging von ihr aus für so viele von uns und wird weiter ausgehen. Dorothee Sölle war die bedeutendste Theologin des 20. Jahrhunderts. Einmal habe ich über sie geschrieben, in Anlehnung an ein Gedicht Bert Brechts:
Das ist unsere Schwester Dorothee:
gute Kämpferin, prophetisch und fromm,
mutig gegen die Feinde des Lebens,
prophetisch mitten im Haus der Kirche,
fromm in einer gottlosen Welt,
ein zarter Vogel aus Gedächtnis und Geist.
Ihre Arbeit ist groß,
zäh verrichtet und nun unentbehrlich.
Sie ist nicht allein, wo immer sie kämpft.
Wie sie arbeiten,
empfindsam, verläßlich, voll Phantasie,
in Chile und Hamburg, New York, Soweto und Rio,
alle Dorothees aller Länder,
listig und fromm,
mutige Arbeiterinnen im göttlichen Weinberg,
unentbehrlich, unvergesslich.
Mein Thema heute ist: Dorothee Sölles Beitrag zur Feministischen Theologie und darin zur Erneue-rung der Kirche, in dieser Einschränkung möchte ich sprechen. Dazu werde ich einige Merkpunkte nennen und in Erinnerung rufen. Ich habe keine Zeit für die Studierstube und viel Nachschlagen. Ich bin darauf angewiesen, die eigene Erinnerung zu Hilfe zu nehmen.
War Dorothee Sölle eine Feministische Theologin?
Diese Frage wird im Nachhinein gestellt. Als wir hier in Bad Boll die Tagungen Feministischer Theo-logie in den 70 und 80er Jahren begannen, ist Dorothee Sölle nicht dabei gewesen. Wir haben sie nicht als Referentin eingeladen. Dorothee Sölle stand für eine politische Theologie. Der Ausgangs-punkt ihres theologischen Denkens war Auschwitz und die Suche nach der Antwort: Wie kann man nach Auschwitz von Gott reden? Welche Stränge deutscher Geistesgeschichte und Theologie haben dazu beigetragen, daß die Schoah möglich wurde? Welche theologischen Grundmotive stützen die Gehorsamskultur, die Leidensunempfindlichkeit, den Mangel an "compassion“ der Deutschen? Und dann war da ihr Engagement gegen den Vietnamkrieg und ihre "Gott-ist-tot-Theologie“. Nein, Doro-thee Sölle war keine feministische Theologin, die sich in lila Gewänder gehüllt und Frauenidentitätsentdeckungsreisen unternommen hätte. Die feministischen Frauen waren ihr verdächtig – und sie ihnen. Diese hatten keine gründliche Analyse, weder der Geschichte, noch der Gegenwartsverhältnisse. Das politische Bewußtsein fehlte für die Klassengegensätze. In den ersten 10 Jahren ihres Schreibens finden sich keine Spuren der Reflexion über die Frauenfrage oder ein Aufgreifen der Feministischen Theologie in ihren Schriften. Die feministischen Frauen waren ihr zu bürgerlich und zu selbstbezogen. Dorothee Sölle dachte in erster Linie als eine Deutsche, verantwortlich für die Geschichte und als protestantische Theologin, als eine, die Karl Barth, Bultmann, Heidegger und Bonhoeffer im Kopf hatte und mit ihnen redete. Das politische Nachtgebet war ihr Metier.
Das änderte sich, als Dorothee Sölle in den USA im Union Theological Seminary in New York zu lehren begann und kreative Feministische Theologinnen wie Beverly Wildung Harrison, Rosemary Ruether, Elisabeth Schüssler Fiorenza, Carter Heyward und die amerikanische Frauenbewegung ken-nen lernte. Langsam, aber stetig wuchs eine genuine Gender-Analyse und Betroffenheit wird in ihren Schriften sichtbar.
In der weltweiten ökumenischen Frauenbewegung, an der ich damals als Direktorin der Frauenabteilung des ÖRK teilnahm und sie mitgestaltete, wuchs in den 80er Jahren das, was später auch in den Feministischen Tagungen hier in Bad Boll seinen Niederschlag fand: daß Sexismus, Rassismus und Klassenverhältnisse aus einer Wurzel wachsen, Ausformungen eines Denkens sind, das die Menschen in eine hierarchische Wertepyramide einordnet, an deren Spitze der weiße besitzende Mann steht (nach der 1. Amerikanischen Verfassung durften nur weiße, besitzende Männer wählen); darunter ordneten sich die anderen: Frauen, Kinder, Arme, Nicht-Weiße, dann auch Tier- und Pflanzenwelt in abnehmender Wertigkeit und Wichtigkeit.
Dorothee Sölles Engagement in der Friedensbewegung, ihre Sorge um die bewohnte Erde fand aber eine Vertiefung und analytische Ausweitung, als ihr deutlich wurde, daß patriarchalisches Denken und Handeln ursächlich an der Entstehung der Unterdrückung der Armen, der Frauen, der Nicht-Weißen beteiligt und dafür verantwortlich ist. Für Dorothee Sölle hatten die Begegnungen mit Menschen aus der Dritten Welt eine wichtige Rolle gespielt, sie tiefgreifend verändert und ihr Denken geprägt.
Bei einem Vortrag vor Dritte Welt Theologen beschwor sie die Tatsache, daß ihre Theologie bei Auschwitz beginne. Da fragte sie ein afrikanischer Teilnehmer: "Und warum beginnen Sie nicht mit der Ausrottung der Hereros durch die Deutschen, Frau Sölle?" Dieser Satz ist nicht spurlos an ihr vor-über gegangen.
Die interkulturelle Kompetenz, die sie im Hin- und Hergehen zwischen den USA und Deutschland und in ihrer Begegnung mit der "Dritten Welt" erwarb, förderte ihre Bereitschaft, Eigenes in Frage zu stellen und Neues aufzunehmen. Durch all diese Erfahrungen wurde Dorothee Sölle eine feministi-sche Befreiungstheologin.
Feministische Befreiungstheologie - eine andere Art Theologie zu treiben
In ihrem Buch „Gott denken“ ( 1. Aufl. 1990, Stuttgart, S. 95-105) hat Dorothee Sölle die Neuorien-tierung, die die Feministische Theologie für ihr Denken brachte, in drei Aspekten beschrieben:
1. Neue Subjekte – Wer treibt Theologie?
2. Neue Objekte ( Themen, Fragestellungen) – Die Tradition wird unter anderen Fragestellungen gelesen.
3. Neue Methoden, Theologie zu treiben.
Der Paradigmenwechsel beginnt damit, daß die von der männlichen Hälfte erdachte und entwickelte Theologie zu einer menschlichen, von Frauen und Männern gemeinsam erdachten Theologie wird. "Indem sich die Türen der Universitäten und kirchlichen Hochschulen geöffnet haben, hörte die Theologie auf, eine rein männliche Angelegenheit zu sein." (Gott 95)
Die Frage steht stark im Raume: Wer bestimmt, was wichtig oder unwichtig, richtig oder falsch ist? Ein neues Subjekt meldet sich zu Wort. Einen der zentralen Texte dieser neuen Theologie sah Dorothee Sölle im Magnifikat, "einer der schönsten feministischen Texte“. Ein armes schwangeres Mädchen singt ein radikales und ergreifendes Lied von Gottes Zuwendung zu den Armen und Niedrigen, die Gott aus ihrer Situation herausbringt. "Feministische Theologie erwächst aus dem Ver-ständnis des Gottes, der mit den Niedrigen, den Entrechteten und Beleidigten ist und in ihnen spricht. Dieses Lied müßte doch als erstes verboten werden.“ (97) Die Sätze: "Gott stürzt die Gewaltigen vom Thron und lässt die Reichen leer ausgehen“, müssten erst einmal an den entsprechenden Orten gesprochen werden, um ihre Radikalität wieder sichtbar zu machen.
"Feministische Theologie bringt viel mehr eine andere, Unterdrückung sichtbar machende und so an der Befreiung arbeitende Perspektive zu allen traditionellen Gegenständen der Theologie.“ (98)
Dorothee Sölle erklärt dies am Beispiel von Jephtas Tochter, von der sie erst durch das Buch von Phylis Tribel "Texts of Terror" gehört hat.
Auch am Beispiel des Sündenbegriffs wird diese Veränderung sichtbar. Die Rede von der Sünde, sagt sie, darf nicht dazu benutzt werden, die Menschen "klein, schuldbewußt und ohnmächtig zu hal-ten“.
Nur wenn wir mit einem Fuß schon auf dem Neuland der Vergebung und der Gnade stehen, reden wir richtig von der Sünde. Wenn wir dagegen versuchen, die Bemühungen um Veränderung, die Schritte auf dem Weg zur Umkehr klein und lächerlich zu machen, weil wir ja doch alle Sünder sind, wird die Sünde ontologisiert und zu etwas Ewigem gemacht - und die Befreiung wird unsichtbar.
Wir können nicht wissen, wir können uns nichts trauen, wir können nichts machen - das sind die gott-losesten Sätze der Gegenwart, die in scheinbarer Demut, scheinbarem Gehorsam gar nicht mehr mit Gottes Handeln an uns und in uns rechnen.“ (82)
Die Methoden ändern sich. Durch die Hellenisierung des Christentums wird die Theorie über die Praxis gestellt. Kopfarbeit ist bedeutender als Handarbeit. Dagegen sagt die feministische Befreiungs-theologin: Nicht der in die Gedankenwelt zurückgezogene Denker, sondern die Praxis steht am Anfang. "Die Theorie begleitet, klärt, hilft uns zu reflektieren, worauf es eigentlich ankommt. Entscheidend ist der gelebte Glaube, die Praxis." (99) Nach der Phase der Reflexion kehren wir zu einer veränderten und vertieften Praxis zurück. Praxis - Theorie - Praxis: Das hatte Dorothee Sölle von der Befreiungstheologie gelernt.
Zu den veränderten Methoden gehörte auch eine veränderte Sprache. Dorothee Sölle hat an dieser veränderten Sprache gearbeitet, gefeilt, experimentiert. Sie hat die Theo-Poesie für sich entwickelt und zu einem wichtigen Instrument theologischen Redens gemacht. Wer von uns hätte nicht wichtige Inhalte verstanden, verinnerlicht, umarmt - durch ihre Gedichte.
Sie hat auch die Abneigung der akademischen Theologie gegen das Erfahrungswissen völlig abgelegt und Erfahrung als hermeneutisches Instrument immer besser und zentraler genutzt.
Daß sie auch andere „Sprachen“ wie der Kunst, Musik und Literatur für die theologische Erklärungs-arbeit entdeckt hat, gehört auch hierher.
Im Verbund dieser Ansätze wird deutlich, daß "Sexismus Sünde ist und sich gegen den Willen Gottes richtet.“ Dabei ist es wichtig, daß bewußt die soziale und emotionale Wirklichkeit der Frauen reflek-tiert wird, ihre Fragen und Erfahrungen den Ausgangspunkt der zu reflektierenden Praxis bilden. "Die Emanzipation der christlichen Gemeinschaft von patriarchalischen Strukturen und von androzentri-schem Bewußtsein ist hier angelegt.“(101)
Nur ist es für Frauen besonders schwer, die befreienden Traditionen der Bibel, auf die sich Dorothee Sölle besonders bezieht - man denke nur an die Bibelarbeiten mit Luise Schottroff auf dem Kirchentag - wahrzunehmen, "weil die patriarchalische Unterdrückung auch die biblischen Traditio-nen zutiefst geprägt hat“. (101) Aber das führt nicht dazu, daß sie eine postchristliche Option ergreift. Sie will nicht, wie andere Frauen, „das Haus der Kirche verlassen, sondern es säubern von den Spuren des Patriarchates.“(102) So zieht sie das in Söllescher Redensweise nicht zimperliche Resümee ihrer Feministischen Befreiungstheologie: „Nicht wir feministischen Theologinnen, die den persönlichen und institutionellen Sexismus der Kirche kritisieren, haben die Tradition verraten, als wir den Auszug aus der hierarchisch - patriarchalischen Tradition begannen, wohl aber der Teil der Männerkirche, der weiterhin das goldene Kalb von Kapital, Gewalt und phallischer Macht mit Gott identifiziert.“ (103)
Ein anderes Gottesbild
Der wichtigste und originellste Beitrag ihres Feministischen Ansatzes war m. E. die Veränderung des Gottesbildes. Das Wichtigste war für sie: "Nur mit einer eigenen Erfahrung des Einsseins mit Gott können wir den Kampf um die Gerechtigkeit durchhalten.“ (Rosemarie Ruether, The Feminist Liberation Theology of Dorothee Sölle, in The Theology of Dorothee Sölle, ed. Sarah Pinnock, Harrisburg 2003, S. 205 - 219, hier 206). Diese Einsicht führte Dorothee Sölle schließlich zur mystischen Theologie, mit deren Hilfe sie das Verstehen der Gottes- Begegnung aufschließen und demokratisieren will. Menschen sollen „ die Freude der lebendigen Gegenwart Gottes spüren, dessen Gnade zu unserem Wohlergehen führt.“ (211) Sie erkannte, daß das traditionelle patriarchalisch geprägte Gottesbild ein Teil des Gendersystems war, das männliche Macht über Frauen festschrieb.
Dorothee Sölle hat abgelehnt, was sie die „phallozentrische christliche Bilderwelt für Gott als Herr, höchste Macht und patriarchalischen Vater“ (211) beschrieb - anstatt von Gott in der Sprache der Liebe und Gerechtigkeit zu sprechen.
Sie hat ein Gottesbild abgelehnt, das Gott als den „ganz anderen“ beschrieb, von außen kommend, wie es Karl Barth tat. Damit aber wird praktisch eine göttliche Immanenz abgelehnt. "Das Ergebnis ist eine protestantische Orthodoxie, deren Spiritualität auf Themen wie menschliche Sünde, Ohnmacht und Ruf zur Unterordnung fixiert ist. In dieser Spiritualität ist die geschaffene Welt der Gegenwart Gottes beraubt“ (211), diese Austreibung jeglichen Gefühls der Heiligkeit aus der Schöp-fung, weil Gott „ganz anders“ ist, ermöglicht, daß „alle geschaffenen Dinge dem menschlichen Gebrauch und ihrer Verfügung anheimgegeben werden, und das heißt den Marktkräften einer techno-kratisch-ökonomischen Ordnung und ihrer militärischen Durchsetzung“. (211)
Dorothee Sölle hat später im Mystikbuch ein anderes Verständnis von Transzendenz und Immanenz beschrieben: "Es wird nicht die gelebte Immanenz aufgegeben um einer patriarchalischen Transzendenz willen, sondern es wird eine neue Beziehung von Transzendenz und Immanenz gesucht, in der die Immanenz nicht mehr dicht, zu, verschlossen und trivial sich selbst wiederholend ist, sondern sich so für die Transzendenz öffnet, daß sie an ihr Anteil hat.“ (Mystik und Widerstand, Hamburg 1997, 49)
So hat Dorothee Sölle schließlich das patriarchalische Gottesbild des Sexismus, Rassismus und der Klassenhierarchie dekonstruiert und einen neuen Begegnungsweg mit Gott beschrieben. Das hat ihr dann auch den Weg zum Ökofeminismus und zur mystischen Theologie geebnet, die sagen kann: "Wo erfahren Menschen das mystische Einssein, den Durchbruch oder das Ganzsein? Wo, wann, unter welchen Umständen geschieht es, daß sie aus der Verbannung in einen anderen Bewußtseins-zustand geraten, daß sie ihr atomisiertes Getrenntsein 'lassen' können in einer anderen Einheit?“ (Mystik 131)
Dazu zitiert sie Meister Eckhart:
"Aber manche Leute wollen Gott mit den Augen ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen und wollen Gott lieben, wie sie eine Kuh lieben. Die liebst du wegen der Milch und des Käses und deines eigenen Nutzens. So halten es alle jene Leute, die um äußeren Reichtums willen oder inneren Trostes willen lieben; die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren Eigennutz." (Mystik 88)
Gott lieben, Freude, Inspiration, Lebendigkeit, Glück erfahren, Fülle und Erfüllung, Überwindung des Getrenntseins - das ist die Gotteserfahrung, auf die sie gestoßen ist und die an die Stelle des patriar-chalischen Gottesbildes tritt. Ein Freudenruf ist, das zu hören:
"Mein sind die Himmel,
mein ist die Erde,
Mein sind die Menschen,
die Gerechten sind mein.
Und mein sind die Sünder
Die Engel sind mein.“ (Mystik 237)
Die mystische Freude braucht und produziert Schönheit. Franz von Assisi hat neben der Liebe viel-leicht keinen anderen Seelenzustand so durchlebt und verkörpert wie die Freude.
"Das ist der große Triumph des Teufels, wenn er uns die Fröhlichkeit des Geistes rauben kann“. (Mystik 237)
Meines Erachtens ist es das größte Verdienst von Dorothee Sölles feministisch-theologischer Ent-wicklung, daß sie für viele Menschen einen neuen Zugang zu Gott geöffnet hat durch ihr mutiges Überschreiten der Grenzen der patriarchalischen Engführung des Gottesbildes. Auf diese Weise hat sie auch manchen selbsterklärten Agnostikern und Atheisten klar gemacht, daß sie gar keine sind.
Sie inspirierte die Gottsuche unter uns allen. In dem von ihr inspirierten Buch "Was tust du, fragt der Engel“ hat die Suche nach den Namen Gottes in der Tradition zu einer großen Fülle geführt:
Gott Du
unseres Lebens Mitte
Quelle Schatten Fels
Stab Brot Ziel
Morgenstern Feuersäule
Sonne Wolke Licht Glut
Adlers Flügel Gotteslamm
Löwe Panter Bärin Sturm
Wüste Leben Freude Liebe
Hüter Hirte Burg
Vaterherz Mutterherz
Herzog der Frommen
Seelentrost
Ehrenkönig Herzenskönig
Richter Kämpfer Arzt
Gnadenwunder Liebeszunder
Tiefste Weisheit
Schönste Zier
Friedefürst Kriegsmann
Herrscher Schild
achtsam strahlend dunkel licht
treu bewegt tief
abgründig unerbittlich
gnädig stark ungezählt
sehend barmherzig gerecht
Ufer Weite Kreuz
Mitleid Leidenschaft
Meeresstern Hort
sehend stürmisch aufrüttelnd vernichtend
eifernd lebendig
stark wie der Tod
Schönheit Gerechtigkeit
Hunger Durst
Brot Wasser Wein
Schlaf Traum Tränen
ewiges Denken
Kind Mann Frau
Hauch Gedächtnis Wind
Geist
lieblich gewaltig unendlich
verlangend
Todeswolke Todesmacht
Motte Made
Lebenshauch Liebe
Hilfe Heil Geburt
Höhe Kluft Verwehen Weite
Freude Blume Auge Mund
Schweigen Friede Dunkel Wort
Stern Erbarmen Mandelzweig
Blau Rot Grünkraft Gold
Mutter
Vater
Schwester Bruder
Freund Freundin
Geliebter Löser
Güte Zorn Recht Lied
Himmel Sehnsucht See
(Bärbel Wartenberg-Potter, Was tust Du fragt der Engel, Mystik im Alltag, Freiburg 2004. darin B. Wartenberg-Potter/Jörn Halbe: Schönheit, S.189/90)
Was hat Dorothee Sölle zur Erneuerung der Kirche beigetragen?
Sie hat zuerst und vor allen Dingen Menschen ermutigt, Kirche zu sein und nicht nur von Kirche als etwas anderem zu reden.
Bei einem Frauen-Symposium 1993 hat sie wesentliche Gedanken zum Abschlussdokument beige-steuert, in dem es heißt:
1. Wir Frauen wollen nicht zusehen, wie die Kirche unter unseren Füßen wegbröckelt. Wir verste-hen Kirche als Agentin der Gerechtigkeit und Anwältin der Gnade. Wir können auf diesen Ort der Stärkung („empowerment“) und des Feierns zwischen verschiedenen Generationen und Schichten, zwischen den Geschlechtern, Rassen und Nationen nicht verzichten. Ohne den Reichtum der biblischen Bilder und Traditionen verdorren wir und bleiben der Gesellschaft das Brot des Lebens schuldig.
2. Geistliche Praxis und konkrete Aktion gehören zusammen. Die Strukturen der Kirche verkündi-gen oder verdunkeln das Evangelium: Wir denken dabei z. B. an die Partizipation aller an der theologischen Verantwortung; an die radikale Gleichstellung der Frauen in der Leitung und Lehre; an einen neuen Umgang mit Geld und Gehältern; an eine gerechte Verteilung und Gewichtung der Arbeit.
3. Kirche kann nur noch ökumenisch und in weltweiter Verbundenheit stattfinden. Dazu brauchen wir neue Formen der Spiritualität.
4. Maßstab christlichen Glaubens ist das "Leben nach der Gerechtigkeit“ - die Orthopraxie. Die bib-lischen Gebote als Schutzbestimmungen für Menschen, vor allem die Leidenden und die Schöp-fung sind nicht überholt.
5. Wir erwarten eindeutige Aussagen aus der Kirche (z. B. von Kirchenleitungen, theologischen Fakultäten und von den engagierten Gruppen) zu Fragen des Lebensstils, zu kulturellen, ökonomischen und politischen Aufgaben. Wir Frauen bleiben nicht an der Peripherie, sondern mischen uns im Zentrum ein. Wir träumen nicht vom Auswandern, sondern übernehmen Verantwortung für die Kirche als Ganze.
Dorothee Sölle hat
Frauen geholfen, eine relevante "praxis pietatis“ zu entwickeln und ihnen eine Identifikation mit der christlichen Tradition ermöglicht. Sie hat eine neue Sprache geschaffen; Predigt, Liturgie, Beten inspiriert und junge TheologInnen für die Predigtarbeit vorbereitet. Sie hat Menschen ermutigt, eigene theologische Entdeckungen zu machen und den Auszug der Frauen aus der Kirche verhindert. Stattdessen hat sie deren kreative Energien auf die Erneuerung der Kirche gelenkt.
Sie hat mystische Wege der Gottesliebe und damit eigene Erfahrung als Stärkung im Kampf für die Gerechtigkeit und das politische Engagement ermutigt. Sie hat Frauen, auch mir, Mut gemacht, Leitungsämter in der Kirche zu übernehmen: Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich ihr dafür nur dankbar sein werde, besonders weil mir ihr Rat jetzt besonders fehlt.
Am Ende soll der Dank stehen für alles, was Dorothee Sölle für uns getan hat, für Dorothee, die Leh-rerin des Mutes. Zu ihrem 65. Geburtstag habe ich ihr eine kleine Rede gehalten, in der es heißt:
"Die Natur hat Dir eine kleine und zerbrechliche Gestalt verliehen. Das Altwerden hat an Dir gezehrt, der Tod hat Dich schon mit seinen knöchernen Fingern berührt. Dem allem aber steht Dein Mut ent-gegen, Dein aus schöpferischem Zorn gespeister Mut, der die sieben Jahrzehnte Deines Lebens durchzogen hat. Furchtlos zitternd bist Du hingestanden und hast den Mächtigen des "military-industrial-complex“ die Maske vom Gesicht gerissen. Mit der Steinschleuder Deiner scharfen Worte hast Du losgelegt und die Riesen auf tönernen Füßen zum Wanken gebracht. Wie viele Menschen haben von Dir den Mut erlernt, hinzustehen vor Zäune und Tore, hinter denen sich die Werkzeuge des "Menschenfressers“ verbargen. "Wählt das Leben“ - hast Du ihnen, biblisch, zugerufen. Dein Wissen und Deinen Mut hast Du freizügig ausgeteilt ohne die Arroganz der Wissenden, die andere dumm und klein hält. Allein auf die Vollmacht Deines Wortes und Deiner Gedanken gestützt, hast Du nimmermüde zur Erneuerung der Kirche beigetragen, damit sie „Agentin der Gerechtigkeit und Anwältin der Gnade“ werde, ein Ort „zum Beten und Tun des Gerechten“.
So viel Fülle, Klugheit und Stärke wurde uns mit ihr gegeben. Dorothee war, was ihr Name sagt: ein Geschenk Gottes.