Bischof Knuth zum EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit"
25.02.2007 | Fast 500 Jahre nach dem Thesenanschlag von Martin Luther diskutiert der deutsche Protestantismus über eine grundlegende Reform. Brauchen die Evangelischen eine neue Reformation?
Langfassung des Interviews, unveröffentlicht.
Kürzere Fassung im Hamburger Abendblatt am 24.2.2007 veröffentlicht.
Das Gespräch führte Holger Dohmen.
Hamburger Abendblatt: Fast 500 Jahre nach dem Thesenanschlag von Martin
Luther diskutiert der deutsche Protestantismus über eine grundlegende Reform.
Brauchen die Evangelischen eine neue Reformation?
Bischof Dr. Hans Christian Knuth: Wenn man unsere Situation mit der Reformation vergleicht, muss man sagen, dass Luther zunächst gar keine kirchenpolitischen oder strukturellen Absichten im Sinn hatte. Diese stehen aber im Zentrum des Impulspapiers der EKD. In dem geht es zwar auch um Glaubensaufbruch und Stärkung des Glaubens, aber das hat im Papier nur eine begrenzte Funktion. Luther dagegen nahm sich der Fehlentwicklungen der scholastischen Theologie an, Glaubensfragen standen im Zentrum, und alles andere hat sich daraus ergeben.
Abendblatt: Wie könnten die neuen Strukturen der evangelischen Kirche aussehen? Sind z.B. 23 Landeskirchen bei 16 Bundesländern noch zeitgemäß?
Bischof Knuth: Das kommt auf die Landeskirchen an. Wenn, dann muss der Wunsch nach Fusion von ihnen selbst ausgehen. Ich bin auch gegen die allgemeine Forderung des Impulspapiers, Rechte der Landeskirchen auf die EKD zu übertragen.
Abendblatt: Wäre das nicht die Beibehaltung der traditionellen kirchlichen Kleinstaaterei?
Bischof Knuth: Das Beispiel der Entstehung der Nordelbischen Kirche vor 30 Jahren zeigt, dass es durchaus sinnvoll sein kann, freiwillig aus kleinen Landeskirchen eine gemeinsame entstehen zu lassen. Es mag für manchen naheliegend sein, etwa in Niedersachsen zu überlegen, ob es die hannoversche, die oldenburgische, die schaumburg-lippische und braunschweigische Landeskirche geben müsse. Aber die schaumburg-lippische Landeskirche z.B. ist durchaus überlebensfähig. Da kann man nicht von oben nötigen oder moralischen Druck ausüben. Das müssen die schon selber entscheiden.
Abendblatt: Nun ist doch aber unbestreitbar, dass Reformen nötig sind. Was halten Sie zum Beispiel von dem im Impulspapier vorgesehenen Vorschlag, bis 2030 nur noch 50 Prozent der 20 000 Pfarrstellen in den Ortsgemeinden zu verankern und die anderen als übergemeindliche für bestimmte Zielgruppen und Themen an zentralen Punkten einzusetzen?
Bischof Knuth: Gar nichts, das ist völlig zukunftswidrig. Denn alle Umfragen der EKD zeigen, dass die Ortsgemeinde und das Pfarramt der Hauptkristallisationspunkt für kirchliche Bindung ist.
Abendblatt: Und wie steht es um die Ausbildung von Pastoren?
Bischof Knuth: Die ist schon heute von hoher Qualität. Aber es können immer reformerische Ansätze praktiziert werden. Denn vor allem bei der Qualität der Amtshandlungen entscheidet sich die Zukunft unserer Kirche. Bei Gottesdiensten oder Beerdigungen, wo die Menschen den Kontakt zu uns haben. Es kommen übrigens wieder mehr Menschen in den Gottesdienst trotz Mitgliederschwund. Und das nicht nur zu Weihnachten.
Abendblatt: Nun stehen der Kirche ja immer weniger Einnahmen zur Verfügung. Die
EKD geht von einer Halbierung der Kirchensteuereinnahmen in den nächsten zwei
Jahrzehnten aus. Statt vier gäbe es dann nur noch zwei Milliarden.
Bischof Knuth: Das ist schon eine bedenkliche Entwicklung, und deshalb müssen wir uns Gedanken machen, wie wir das Angebot, auf das es uns ankommt, halten können. Da müssen Fragen der Verwaltung, der Gremienfülle, der Immobilien oder anderer geldverzehrender Aktivitäten auf den Prüfstand. In Nordelbien überlegen wir zum Beispiel, ob wir weiterhin eigene Jugendheime oder Akademie-Häuser betreiben müssen. Mit eigenen Küchen, Personal und Verwaltungen. Mit den Mitteln, die wir zurzeit für unsere eigenen Heime aufbringen, könnten wir mit Konfirmanden auch in ein teures Hotel gehen. Da gilt es sparsamer zu wirtschaften. Aber die Dichte der Gemeindepastoren zu verringern, halte ich für kontraproduktiv. Das gilt auch für Gefängnis-, Telefon-, oder Krankenhausseelsorge. Denn da erreichen wir die Menschen direkt.
Abendblatt: Schmerzt es Sie als Theologe, in so betriebswirtschaftlichen Kategorien denken zu müssen?
Bischof Knuth: Schmerz zeigt einem ja, wo man arbeiten und kämpfen muss. Die evangelische Kirche ist eine Riesenfirma. Wir beschäftigen allein in Nordelbien mehr als 50 000 Angestellte in der Diakonie und verfasster Kirche. Ein rein ökonomischer Ansatz wäre allerdings nicht kirchenkonform. 20 Besuche bei einem Depressiven sind natürlich ökonomisch nicht effektiv, vor allem, wenn dieser noch nicht einmal in der Kirche ist. Da wären 20 Kaffeefahrten ökonomisch wesentlich interessanter. Aber genau dies darf eben nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Wir brauchen Kreativität, neue Einnahmequellen, nur dürfen wir darüber das Kennzeichen von Kirche, die selbstlose Hinwendung zum Nächsten, z.B. in der Seelsorge, nicht vergessen.
Abendblatt: Was halten Sie denn von Kirchenschließungen als Sparmaßnahme?
Bischof Knuth: Statistisch gesehen ist das noch kein Thema, auch wenn es einige aufsehenerregende Einzelfälle gibt. Im übrigen wurden seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland mehr Kirchen gebaut als in der gesamten Zeit seit der Reformation. Aber es bleibt symbolisch schmerzlich, eine Kirche zu entwidmen.
Abendblatt: Auf dem Zukunftskongress der EKD in Wittenberg ging es kürzlich nicht nur um die Ökonomie, sondern auch um kirchliches Profil. Der Ratsvorsitzende der EKD Bischof Huber postulierte die Kirche der Freiheit. Freiheit wovon oder wozu?
Bischof Knuth: In diesem Begriff verbindet sich ein zentraler Glaubensinhalt mit gesellschaftlich zentralen Interessen. Die Glaubensfreiheit, um die es in der evangelischen Kirche geht, ist die Freiheit von Angst, Sünde und Schuld und dem „Zorn Gottes“. Daraus ergeben sich gesellschaftliche und psychologische Freiheiten. Aber man muss zunächst mal die Quelle nennen, von der dieser Freiheitsbegriff herkommt. Diese Quelle ist Jesus Christus. Ihm haben wir die Freiheit zu verdanken. Dagegen operiert das Impulspapier mit einem flachen Freiheitsbegriff. Es reicht doch nicht zu sagen: Du musst frei sein. Die Forderung nach Freiheit ist noch nicht die Quelle der Freiheit. Auch die zehn Gebote bringen ja nicht automatisch ihre Erfüllung mit sich.
Abendblatt: Wird also der Kern protestantischen Profils in diesem Papier gar nicht getroffen?
Bischof Knuth: Nein.
Abendblatt: Was genau ist protestantisches Profil?
Bischof Knuth: Es ist die Freiheit, die durch eine persönliche Bindung an Gott entsteht und darum alle gesellschaftlichen Zwängen relativiert. Frei nach Bismarck: Wir Christen fürchten nur Gott und sonst nichts auf der Welt. Wir lieben Gott, haben Ehrfurcht vor ihm und sind frei uns in der Welt zu engagieren. Davon erzählen viele Beispiele von Menschen, die sich auch in lebensbedrohenden Situationen nicht von ihrem Glauben abbringen ließen und für ihre Sache einstanden.
Abendblatt: Wir stellen ja gegenwärtig einen Trend zur Rückkehr zum Glauben und zur Religion fest. Ist das nur ein Medienthema?
Bischof Knuth: Ich glaube, wir erleben derzeit eine Korrektur dessen, was Bischof Huber einmal als Selbstsäkularisierung bezeichnet hat. Die gesellschaftlichen Prognosen über das Christentum haben sich total umgedreht. Das kommt zwar auch durch die Globalisierung und durch eine Vermischung von Politik und Religion, die wir als Christen ja eigentlich ablehnen. Wir wollen ja keine Ayatollahs sein. Aber wir müssen uns als Kirche auch fragen, ob wir bestimmte berechtigte Sehnsüchte der Menschen vernachlässigt haben.
Abendblatt: Sie meinen Spiritualität, Transzendenz und Emotionalität? Dinge, mit denen sich der Protestantismus eher schwertut?
Bischof Knuth: Das ist eine spezielle Entwicklung des Protestantismus im 20. Jahrhundert gewesen. Karl Barth hat ja in seiner dialektischen Theologie von der Religion negativ als „Aufstand des Menschen gegen Gott“ gesprochen. Und das revidieren wir zurzeit. So wiederentdecken wir zum Beispiel in unserem Gesangbuch wunderbare mystische Texte, Gospelchöre singen gefühlsbetonte Lieder und wir haben neue Freude an festlichen Gottesdiensten.
Abendblatt: Hat der Theologe Karl Rahner dann Recht gehabt, als er formulierte „Die Kirche der Zukunft wird mystisch sein, oder sie wird nicht sein“?
Bischof Knuth: Oder sie wird nicht sein, würde ich nicht sagen (lacht dabei). Aber dieses Zitat zeigt, wie wichtig das Bedürfnis einer unmittelbaren Gotteserfahrung ist.
Abendblatt: Bewegen wir uns also in Richtung einer Wellness- oder Kuschelreligion?
Bischof Knuth: Bei den großen Propheten heißt es „Ich hasse das Geplärre, sorgt lieber für die Armen“. D. h. wir halten menschliche Vernunft und soziale Verantwortung sehr hoch. Aber der Glaube ist nicht nur kopfgesteuert, sondern hat von Anfang an eine emotionale uns spirituelle Basis.
Abendblatt: Warum soll ich denn überhaupt glauben?
Bischof Knuth: Weil ich ein Geschöpf Gottes bin und die Natur nicht ein blindes Ereignis.
Abendblatt: Reicht diese Erklärung aus, um einen Zweifler zum Glauben zurückzubringen?
Bischof Knuth: Durch die Gottesbeziehung, also durch den Glauben, komme ich auch zu mir selber. Das ist der existenzielle Boden. Es geht ja nach reformatorischem Selbstverständnis beim Glauben weniger um den intellektuellen Sinn des Lebens, als um die Gewissheit. Nämlich darum, dass ich in den entscheidenden Phasen meines Lebens, in den glücklichen wie auch in den kritischen wie Krankheit, Trennung, Liebesentzug, Sterben und Tod, nicht mit mir in Ver-Zweiflung gerate und alle meine Lebenskonzepte hinfällig werden. Das ist ja das spezifische am Christentum, dass die Reflexion des Kreuzes keine Antwort im intellektuellen Sinn anbietet, sondern eine gewissmachende Botschaft ist: Glaube ist Grundvertrauen des Lebens.
Abendblatt: Wie bewährt sich der Glaube? Ist Gott in der Schöpfung erkennbar?
Bischof Knuth: Kant hat einmal gesagt: „der gestirnte Himmel über mir und das Sittengesetz in mir.“ Der Hebräerbrief formuliert, dass der Glaube eine feste Zuversicht ist, hoffen auf das, was man nicht sieht. Deswegen sind wir eine Kirche des Wortes. Wir sehen das Kreuz, wir glauben an die Auferstehung. Wir sehen die Sünde, wir glauben die Rechtfertigung. Wir sehen die Natur, wir glauben die Schöpfung. Wenn ich eine Beerdigung halte und ich sehe das Loch und sage „Christus lebt, mit ihm auch ich“, geht das über die Erfahrung des Todes hinaus. Da bewährt sich der Glaube.