Predigt zur Entwidmung von St. Stephanus in Hamburg-Eimsbüttel
21.03.2005 | zu Psalm 121 und Joh 12,12-19
Entwidmung der Stephanuskirche am 20. März 2005 – Ps. 121 und Joh. 12,12-19 - Bischöfin Maria Jepsen
Liebe Gemeinde,
der Einzug Jesu in Jerusalem – wie gern wird diese Geschichte von Kindern nachgespielt, mit Palmzweigen und Lobgesängen. Alle freuen sich auf den König, der die Wende bringen soll. Und wir Erwachsenen wissen: auf das „Hosianna!“ folgte schon bald das „Kreuzige ihn!“
Eine Geschichte, ein Tag der widersprüchlichen Gefühle, der Freude und des Schmerzes.
Wenn wir heute hier in der Stephanuskirche diese Geschichte als Evangelium hörten, so will es uns kaum gelingen, unsere Gedanken voll und ganz auf die bunte, fröhliche, erwartungs-volle Szene am Rand der Stadt zu richten, auch nicht auf die Kreuzigung und Auferweckung Jesu in den Tagen danach.
Wir bleiben zuerst einmal beim Heute, in der Gegenwart, der nächsten Zukunft hängen, spü-ren: es ist ein bitterer Tag, ein trauriger Tag für Sie alle, ob Sie hier seit Jahrzehnten oder seit wenigen Jahren leben, für uns alle, die wir uns dieser Kirche, der Kirche überhaupt ver-bunden wissen.
Noch nicht einmal 100 Jahre ist es her, dass diese Kirche erbaut wurde, denn die Apostelkir-che allein wurde als nicht ausreichend angesehen für die knapp 50.000 Gemeindeglieder damals.
Und nun hat sich die Situation verändert: die zwei Kirchen von Nord-Eimsbüttel, die zwei Kirchen von Süd-Eimsbüttel, sie können nicht mehr unterhalten werden, sie werden nicht mehr dringend benötigt. Man kann, soll sich bescheiden, zurückziehen auf zwei insgesamt. Die Finanzen haben diese Entscheidung erzwungen, denn die Gemeinde stand vor der Al-ternative: das weniger werdende Geld nur in die Gebäude zu stecken oder mit ihm zu wu-chern, mit ihm Gemeindearbeit fortzusetzen, Menschen anzustellen, haupt- und ehrenamt-lich das Evangelium weiterzugeben.
Die Schließung des Kirchgebäudes ist allen schwer gefallen, aber es ergibt sich daraus auch die Chance, mit gebündelten Kräften als Kirche vor Ort sich hier neu einzubringen in den Stadtteil, sich der eigenen Glaubenskraft zu vergewissern und das Licht des Evangeliums strahlen und leuchten zu lassen.
So viele gute Möglichkeiten sich nennen und ausmalen lassen, es ist trotz allem Wehmut und Nachdenklichkeit zu spüren, Erinnerungsarbeit notwendig: wie viel ging von Stephanus aus: mit der eher traditionellen Frauenhilfe und den feministischen Aufbrüchen später, mit der Verantwortung für die Diaspora und die Ökumene, bis hin nach Afrika, in die Türkei, die Philippinen, mit der gesellschaftlich-politischen Arbeit, die Sie wahrnahmen, in bezug auf Kinder, Jugendliche und alte Menschen, auf alle, die keine besonders starke Lobby haben.
Sie haben sich als Kirche Jesu Christi in dieser Kirche, aus dieser Kirche heraus erfahren und gezeigt, Sie haben Gott gelobt und gepriesen und Jesus begleitet, auf seinem Weg durch die Straßen und in die Häuser dieses Stadtteils.
Und nun, wo diese Kirche geschlossen wird, in der Zukunft anders genutzt werden soll, da wird das Evangelium keineswegs verschwinden, da wird es nicht still und kalt hier werden, denn Jesus verläßt dieses Haus, diesen Stadtteil nicht, er bleibt Ihnen nahe und kommt im-mer neu zu Ihnen, als Mutmacher und Tröster, als Friedensbringer und Heiland, als Leiden-der auch, als Sohn Gottes, der mit uns unterwegs bleibt, auf allen Straßen der Welt, auf allen Plätzen und überall dort, wo wir ihn anrufen und brauchen, selbst da, wo er geleugnet und beschimpft wird.
Der Abschied von der Stephanuskirche tut weh, denn uns ist dieses Gebäude so vertraut, nicht nur die Steine, die Mauern, das Innere. Es sind die gottesdienstlichen Erfahrungen, die an diesen Steinen und Gegenständen haften, die Sehnsüchte, die sich an die Mauern, an das Innere gebunden haben, und nun haben wir alle neu bis ganz tief in unsere Gefühle hin-ein zu lernen, dass Gott seine Gegenwart nicht an ein Haus, an ein Kirchengebäude bindet, dass der Himmel und aller Himmel Himmel ihn nicht fassen und festhalten können.
Was der Kopf mehr oder weniger leicht begreifen mag, die Gefühle tun sich um so schwerer, zumal dann, wenn Leid- und Freuderfahrungen über Jahre und Jahrzehnte hier geäußert und begleitet wurden, in gottesdienstlichen Feiern und im stillen Sitzen auf einer dieser Bän-ke.
Die Jünger, so hörten wir aus dem Evangeliumstext, verstanden zuerst nicht, was der Einzug Jesu in Jerusalem bedeutete. Erst später konnten sie die verschiedenen Worte und Ge-schehnisse miteinander in Beziehung bringen und langsam dann auch verstehen und an-nehmen.
Es gibt immer wieder Situationen in unserem persönlichen Leben, in unserer kleinen und großen Kirchengeschichte, die wir nicht gleich verstehen, die uns verwirren und zu schaffen machen, die schmerzlich und beschwerlich sind, und nicht selten geschieht es dann doch, dass nach einer kurzen oder längeren Zeit der Blick anders wird, dass wir dann doch das Schwierige und Unbegreifliche verstehen, es trotz allem annehmen können, wenn auch nicht beglückt, so doch gefaßt und im Vertrauen darauf, dass wir weiterhin von Gott beschützt und behütet sind.
Die Jünger haben nach Jesu Tod und Auferstehung und Himmelfahrt den Einzug in Jerusa-lem und vieles andere aus der gemeinsamen Zeit neu zu verstehen gelernt, und sie zogen bald darauf los, um mit Begeisterung von Jesus zu erzählen, andere für den christlichen Glauben zu öffnen, in der Nähe und in der Ferne.
Sie, liebe Gemeinde von Eimsbüttel, Sie richten heute Ihren Blick auf dieses Kirchengebäu-de und sind doch vor allem aufgefordert, auf Jesus selbst und Gott zu blicken, die Augen auf den zu richten, der Himmel und Erde gemacht hat, der unser Leben geschaffen und bis hier-her begleitet hat, der deinen Fuß nicht gleiten lassen wird und dich behüten wird, dich, diese Gemeinde hier, dich, jeden und jede hier und in seiner großen Menschenschar.
Lassen Sie uns unseren Blick erwartungsvoll zum Himmel richten, lassen Sie uns wie Ste-phanus nicht schweigen, sondern von unserem Glauben erzählen, mit Worten und mit Taten, mutig und unverzagt und voller Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit und einer guten Zukunft dieser Gemeinde.
„Stephanus aber“, so schreibt die Apostelgeschichte, „erfüllt mit heiligem Geist, blickte zum Himmel auf und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und sagte: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“
Stephanus, der Namensgeber dieser Kirche, wußte sich Gott verbunden und Jesus nahe, auch in seiner Not, und als die Steine ihn trafen und er zu Tode getroffen wurde, betete er um Gottes Beistand und um Vergebung für die, die seinen Tod herbeiführten.
Liebe Gemeinde, lassen Sie auch uns heute dankbar zurückblicken auf die gute Zeit hier und dabei voller Vertrauen auf den sehen, der zur Rechten Gottes ist und der uns hier weiterhin begegnet, in unseren Häusern und Straßen, da, wo wir leben und arbeiten, und lassen Sie uns Gott um seinen Heiligen Geist bitten, für eine gute, heilvolle, segensreiche Zeit der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Eimsbüttel, für seine Gegenwart im Himmel und auf Erden. Amen